IS deutsche Räuber im Dschihad

frei nach Schiller

Kölner Theaterpreis 2020

nach mehreren pandemiebedingten Absagen ein neuer Versuch:
16. - 18. September 2021, 20 h -
Zionskirche, Zionskirchplatz, Berlin-Prenzlauer Berg

Erstaunt, ungläubig und mit Unverständnis beobachtet die westliche Welt, wie ihre eigenen Kinder die Heimat verlassen, um in einen Krieg zu ziehen, den sie Dschihad und der Westen Terrorismus nennt. Dieser Krieg richtet sich gegen die Werte und Prinzipien der Gesellschaften, aus denen sie kommen, gegen Demokratie und Toleranz. Dabei ist Terrorismus nach dem Militärstrategen Carsten Bockstette weniger eine Militär-, sondern vielmehr eine Kommunikationsstrategie. So schenkt das Selbstmordattentat demjenigen uneingeschränkte mediale Aufmerksamkeit, der sonst nicht zu Wort kommt. Wenn wir heute von Selbstmordattentat reden, dann denken wir zu allererst an den islamistischen fundamentalistischen Terrorismus. Doch diese Annahme lässt außer Acht, dass deutsche/westliche Geschichte und Literatur auch Beispiele hierfür hat. In Schillers Räuber findet sich in Karl Mohr, der eigentlich eine Lichtgestalt ist, eine dunkle Schattenseite. Er gründet eine Räuberbande, raubt und mordet, um den Armen zu geben, doch am Ende erschrickt er selber über die Gewaltexzesse – späte Einsicht.

  • "Ich fühle eine Armee in meiner Faust - Tod oder Freiheit!" - Die Räuber II, 3 / Karl Moor

Welches Menschenbild liegt dem zugrunde? Was bewegt diese jungen Menschen? Finden sie in der Radikalisierung, im Islamismus/im Räubertum einen Gegenentwurf zum verweichlichten Elternhaus? Ist der Weg in den Dschihad eine Jugendkultur, eine Rebellion gegen das Wertesystem der Gesellschaft oder dessen Fehlen? Der Weg führt in die Wüste oder in den Wald und schließlich vor Gericht!

Auf der Folie von Schillers „Die Räuber“, spiegelt der Vater Sohn Konflikt den Generationenkonflikt und das Aufbegehren gegen die Gesellschaft, die Bildung einer Räuberbande ist logische Konsequenz – der Weg in den Dschihad auch? Es zeigt Gemeinsamkeiten, die über zeitliche und kulturelle Dimensionen hinausgehen und legt die Annahme nahe, dass Gewalt in der Natur des Menschen verankert ist:  Aberwie kann man ihr entgehen?

In der Freihandelszone beginnt das Stück mit einer performativen „Räuber“-Installation. Der Gründung einer Bande und ihrer Sprengung. Von dort wird der Besucher in das monumentale Kirchengebäude von Sankt Gertrud geleitet, einem Ort der offenen Begegnung und religiösen Auseinandersetzung, der Liebe und der Kunst, aber auch zu einer Gerichtsverhandlung, die unvereinbare Gegensätze und Positionen gegenüberstellt. Wie bei einer Sitzung des UN Sicherheitsrats folgt der Zuschauer über Kopfhörer der Verhandlung auf der Chorempore. Verschiedene Stationen, Videoprojektionen, Spielszenen, Zeugenbefragungen, Blickachsen und der phänomenale Raumklang der Kirche ergeben wechselnde Perspektiven, sowohl gedanklich als auch visuell. Der Aufbau ist wie das klassische Drama in 5 Akte gegliedert.

mit: Asta Nechajute, Fabian Kuhn, Lucia Schulz | Tanz: Sara Blasco Guitérrez (Katharina Sim)

Regie: Andrea Bleikamp | Textfassung & Dramaturgie: Rosi Ulrich | Ausstattung/Lichtdesign: Claus Stump, Jan Wiesbrock | Musik/Sound: Sergej Maingardt | Video: Jens Standke | Technik: Jan Kutscher | Regie-Assistenz: Gina Bensch | Abendbetreuung-Ton: Sara Blasco Gutiérrez | PR / Öffentlichkeitsarbeit: neurohr & andrä | Fotos: Alessandro De Matteis
Wir danken Misagh Basim für die Interpretation des Nasheeds.

PR: 27.11.2019, 20 H / 28.-30.11. / 15. - 18. Oktober 2020, 20 h, Sankt Gertrud, Krefelder Str. 57, 50670 Köln
Wir konnten aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht spielen: 23.04.-26.04.2020, 15.-18.04.2021
Stattdessen im Stream: 15. April 20 h - 18. April 2021, 23:55 h, auf: https://dringeblieben.de/videos/is-deutsche-rauber-im-dschihad-frei-nach-schiller-kolner-the

Trailer

 

Presse

Bleikamp und ihr Team zeigen hochaktuelles, politisches Theater in unterhaltsamer Form, ohne das Publikum zu entpflichten, über den Abend hinausgehende Gedanken mitzunehmen. Sehr gelungen! (O-Ton, 28.11.2019, Michael S. Zerban)

""Ich bin voller Hass und ich liebe das!', zischt es über die Kopfhörer direkt in die Ohren des Publikums. ... Unbehagen macht sich breit. Hilfesuchend blickt man nach rechts, dann nach links: In der eigenen Reihe sitzen sonst nur aufblasbare Plastikpuppen. Ist man hier wirklich der einzige, der dieses Unglück kommen sieht? ... Kein klassisches Drama, sondern eine Vielfalt der Künste prasseln ungefiltert auf die Zuschauer ein. Auf die kahlen Betonwände der Kirche werden gewaltige Bilderfluten und Videoinstallationen (Jens Standke) projiziert, dazu fordern die sich ständig wandelnden Geräuschwelten von Sergej Maingardt den Hörsinn heraus. In Akten begleitet man als Zuschauer eine fiktive Gerichtsverhandlung - von der Anklage bis zum Plädoyer. Dabei ist die Konfrontation mit dem Geschehen schonungslos. ... Auch das Schauspieltrio (Asta Nechajute, Lucia Schulz und Fabian Kuhn) nutzt die Macht den diese fast grenzenlose Bühne ihnen verleiht. Sie fordern heraus, machen Angst, ersticken kurze Hoffnungsschimmer, in denen die Menschlichkeit in ihre Körper zurückströmt, und wecken dennoch Mitgefühl. ... Das Ensemble experimentiert und stellt Fragen, doch Antworten liefert sie keine. Statt dessen versucht man die Leerstelle mit Kunst zu stopfen: Eine sich überlagernde Kakophonie aus Bild, Musik, Schauspiel und Tanz zeigt die Vielschichtigkeit des Themas. Gerade das macht 'IS Deutsche Räuber im Dschihad' aber zum politischen Theater - und zu einem Kunsterlebnis." (StadtRevue April 2020 Pascal Dombrowicz)

"...die Art und Weise, das Wie ist eindrucksvoll. Neben Tänzerin Katharina Sim brillieren Asta Nechajute und Lucia Schulz ... und Fabian Kuhn ... mit einem dramatisch realistischen Spiel. Die Attraktion des Abends ist das Bildgewittr des Videokünstlers und KHM-Absolventen Jens Standke. ...das entpuppt sich als packende multimediale Erzählung." (Kölnische Rundschau 29.11.2019, Thomas Linden)

 

Laudatio zum Kölner Theaterpreis 2020 – „IS deutsche Räuber im Dschihad“

von Jurymitglied Norbert Raffelsiefen

Für Jugendliche im Besonderen ist das Politische auch immer sehr persönlich. Der Sturm und Drang der jugendlichen Gefühle brach sich schon in Schillers „Die Räuber“ auf mächtige und unkontrollierte Art und Weise Bahn. Dieses frühe Beispiel einer Jugendkultur auf der Suche nach der Rebellion gegen die Normen der erwachsenen Welt, wird von der Regisseurin Andrea Bleikamp und der Autorin und Dramaturgin Rosi Ulrich von „WEHR51“ kongenial aufgegriffen und in die heutige Zeit transportiert.

Die beiden kreativen Köpfe von „WEHR51“ bereichern die freie Szene in Köln schon seit vielen Jahren mit ihrem frischen und innovativen Zugriff auf große Theaterstoffe. Mit dem herausragenden Gespür von Andrea Bleikamp, was spannende Inszenierungsformate betrifft, und der meisterhaften dramaturgischen Arbeit der Autorin Rosi Ulrich hat sich ein wahres „Dream Team“ gesucht und gefunden. Hier gelingt ihnen ein ebenso packendes wie politisches Theaterdrama über zwei junge Frauen aus Deutschland, die sich als Konvertit*innen dem IS in Syrien anschließen.

Nicht minder bestechend wie die Kombination aus klassischem Theater-Drama und heutiger Jugendkultur ist die Wahl des Aufführungsortes. Der fantastische Innenraum von Sankt Gertrud, dem Gottfried-Böhm-Sakralbau an der Krefelder Straße, bietet eine einzigartige Kulisse für das Geschehen um die beiden Radikalisierungsbiographien, die der Zuschauer als klassisches Drama in fünf Akten gebannt verfolgt. Abgehandelt wird es in Gestalt einer Gerichtsverhandlung. Der Prozess ist hier nicht nur ein juristischer Terminus, sondern steht auch für die Entwicklung der Jugendlichen. Die Zuschauer sitzen einzeln auf Stühlen neben weißen aufgeblasenen Plastikpuppen, und verfolgen das Geschehen via Kopfhörer. Eindringlich und mit allen Sinnen wird dem Betrachter vor Augen und Ohren geführt, wie die beiden Mädchen von ihren islamistischen Anwerbern radikalisiert werden. Die Videoinstallationen von Jens Standke im perfekten Zusammenspiel mit dem akustischen Geräuschteppich von Sergej Maingardt liefern ein eindrucksvolles multimediales Tableau, das die ganze propagandistische Wucht der islamistischen PR-Maschinerie im Internet offenbart und gleichzeitig ihre toxische patriarchalische Struktur verdeutlicht. Ein Narrativ, das der Islamismus im Übrigen mit anderen Ideologien teilt. Um Radikalisierungen zu vermeiden, gilt es viel mehr patriarchalische Strukturen in allen Ideologien kritisch in Frage zu stellen. Dies leistet das Stück von „WEHR51“ vorbildlich, in dem es sich einer eindimensionalen Debattenkultur verweigert. Stattdessen setzt es sich mit den Mittel des Theaters mit fundamentalen gesellschaftlichen Themen auseinander, die für unser Demokratieverständnis und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind. Der Bogen, der hier von Schillers „Die Räuber“ bis zu heutigen Radikalisierungsmustern geschlagen wird, richtet den Blick auf Gemeinsamkeiten jenseits von zeitlichen und kulturellen Dimensionen. Dabei wird der Zuschauer aber nicht Zeuge eines distanzierten theoretischen Lehrstücks.

Für die Jury des Theaterpreises war neben der hohen inhaltlichen Relevanz des Stückes auch die herausragende Umsetzung der Thematik ausschlaggebend. Durch die Wucht der Ereignisse und das eindringliche Spiel von Asta Nechajute, Lucia Schulz und Fabian Kuhn sowie den raumgreifenden Choreographien der Tänzerin Katherina Sim werden wir auf einer ganz persönlichen Ebene in das faszinierende Bühnengeschehen miteinbezogen. Ein geeigneteres Theaterstück - nicht nur - für Jugendliche aller Religionen und Weltanschauungen ist momentan kaum vorstellbar. „WEHR51“ stellt mehr Fragen als vorschnelle Antworten zu suchen und macht so den Weg frei für eine dringend notwenige Werte-Debatte, die nicht bloß auf Ereignisse reagiert, sondern aktiv Entwicklungen mitgestaltet. Wir beglückwünschen das „WEHR51“-Theater für diese wegweisende Theaterarbeit und hoffen, dass im kommenden Jahr noch viele Zuschauer das Stück miterleben können.

 

Produziert von WEHR51, in Kooperation mit Freihandelszone - ensemblenetzwerk köln
Wir danken unseren Gastgebern sankt gertrud: kirche + kultur in Köln und der Zionskirche in Berlin
gefördert durch: Kunststiftung NRW, Kulturamt der Stadt Köln, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, RheinEnergieStiftung KULTUR