Heroes

ein theatrales Requiem

Amy Winehouse sitzt zufrieden seit sechs Jahren mit Alkohol und Drogen in einer Art Vorhölle fest. Es klopft. Zuerst erscheint Lemmy Kilmister. Dann David Bowie. Und zu guter Letzt Prince. Die Panik bei Amy ist groß und der Kampf um die Vorräte beginnt.

Eine philosophische Revue mit Komik und leisen Tönen, lauter Musik und immer wieder verblüffenden Einsichten, wenn harte Liedtexte zart als Gedichte ohne musikalische Begleitung ins Mikrofon gehaucht werden. Teils live gesungen und performt, teils Playback vorgetragen oder im Karaoke mit dem Publikum vereint, wird den großen Fragen des Lebens auf den Grund gegangen.

„Als ich jung war, war ich der netteste Kerl den ich kannte. Ich dachte ich wäre der Auserwählte. Aber die Zeit verging und ich fand das ein oder andere heraus. Mein Glanz ließ nach während die Zeit weiterlief.“ (I ain't no nice guy, Lemmy Kilmister)
„Sei nicht wütend auf mich, weil du auf die dreißig zugehst Und deine alten Tricks nicht mehr funktionieren Du hättest von Anfang an wissen müssen, dass du nur immer verlassen wirst Also entstaube deine „Fick mich“-Schuhe.“ (Fuck me pumps, Amy Winehouse)

Mit: Bibiana Jiménez, Fabian Ringel, Torsten-Peter Schnick, Tomasso Tessitori
Regie/Konzept: Andrea Bleikamp;
Dramaturgie: Rosi Ulrich;
Ausstattung: Claus Stump;
Text: Charlotte Luise Fechner
PÖ/Management: mechtild tellmann kulturmanagement

PR: 10.1.2018, 20 h, 11. – 14., 24. – 27.1.2018, 5./6.5.2018; Orangerie Theater im Volksgarten, Köln

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Ein letzter Auftritt: „Heroes“

Amy Winehouse wartet schon, ihr folgen Lemmy Kilmister, David Bowie und Prince in eine Art Vorhölle. In „Heroes“ bietet das Orangerie-Theater den Ausnahme-Stars eine letzte Bühne, einen Ort der Reflexion und Selbstinszenierung.

Die meisten Flaschen sind schon leer. Sie dienen Amy Winehouse (Bibiana Jiménez) als Stütze, mit der sie über die kreuzförmige Bühne kriecht. Wer früher stirbt, ist länger tot. Doch lange bleibt Amy nicht alleine: Nach und nach werden die Ikonen Lemmy Kilmister, Sänger der Rockband Motörhead, David Bowie und Prince zum Leben erweckt. Die Trockenhaube bringt sie direkt in die Vorhölle. Sie tragen Tour-Badges, „Welcome to Hell“ steht darauf.

Regisseurin Andrea Bleikamp, von der auch das Konzept stammt, hat ein Gesamtkunstwerk entwickelt: Sie lässt die vier so verschiedenen Ausnahmekünstler für eine letzte Revue auftreten. Anhand von Originalzitaten (Text: Charlotte Luise Fechner) wird deutlich, was sie vereint: Sie alle streben auf der Bühne ganz nach vorne, sie vergleichen ihre Trauerfeier, wollen, dass die Nachwelt sich an sie erinnert. An welchen Ort bringen Fans die meisten Blumen? Die vier Musiker haben über ihre Lebenszeit hinaus andere Künstler beeinflusst, haben ganze Generationen geprägt und so trauernde Fans hinterlassen. „Kann man jemanden vermissen, den man nicht kennt?“, gibt Lemmy Kilmister zu bedenken.

Die vier Darsteller leben ihre Rollen

Der Rockstar (Tomasso Tessitori), Cowboy-Boots, Jeansweste, lange Haare, ist die wohl nachdenklichste Figur, von ihm stammen viele leise, nachdenkliche Töne. David Bowie (Fabian Ringel), Starman-Blitz im Gesicht, enge, schwarz-weiß gestreifte Hose, silberne Schuhe, glänzender Blouson, ist dagegen erstaunlich frech und aggressiv. Prince (Torsten-Peter Schnick), ganz der androgyne Exzentriker, trägt über dem asymmetrischen Glitzertop eine Fransenjacke, dazu eine rot-schwarze Schlaghose (Ausstattung: Claus Stump). Amy Winehouse hatte von allen in der Vorhölle Anwesenden das kürzeste Leben und hat sich am wenigsten öffentlich geäußert. Deshalb verkommt sie in „Heroes“ leider zur aufräumenden Nebendarstellerin. Die vier begeben sich durch ihre Texte und Interviewausschnitte auf eine Reise zu sich selbst und beginnen zu reflektieren – über Erfolg, Ruhm, Drogen, Alkohol. Natürlich kommt auch die Musik nicht zu kurz. „Kiss“ von Prince, „Back to Black“ von Amy Winehouse, ein letztes Mal die großen Hits der ehemals großen Stars. Die vier Darsteller leben ihre Rollen, sie nutzen den gesamten Raum, springen von vorne nach hinten, tanzen mit dem Publikum und verteilen Schnaps.

Am Ende finden sie ihre letzte Ruhe

Zum postdramatischen Gesamtkunstwerk gehören aber auch die Videoinstallationen von Jens Standke. Manche Episoden, etwa von einem Videospiel über Amy Winehouse‘ Drogenkonsum, ergänzen das Geschehen. Andere – so ein Filmausschnitt aus „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (1978) – erweitern die Inszenierung und verleihen ihr eine zweite Ebene, wenn Marlene Dietrich als Baroness von Semering in dem Film sagt: „Champagner? Dom Perignon, mein Lieblingschampagner. Tanzen, Musik, Champagner – die beste Möglichkeit zu vergessen, bis man wieder etwas findet, an das man sich erinnern möchte.“ Vergessen sind die Musikidole noch lange nicht. Nicht nur die Videos, auch die einfallsreiche Inszenierung des Lichts (Peter Behle) und witzige Ideen, etwa die bunt leuchtenden Eiswürfel, zeugen vom modernen Anspruch des Ensembles. Vier Stars haben ihren letzten Auftritt, bis keiner sie mehr sehen kann – und sie wirklich ihre letzte Ruhe finden dürfen.
(Kultur Bühne)

 

Schnaps oder Ohrstöpsel?

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Ausgerechnet in die Orangerie im Volksgarten hat das Jenseits Soul-Legende Amy Winehouse (Bibiana Jiménez), Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister (Tomasso Tessitori), Pop-Titan David Bowie (Fabian Ringel) sowie Prince (Torsten-Peter Schnick), den unerreichbaren Meister des Funks, verfrachtet. Es ist schon eine feine Gemeinheit von Regisseurin Andrea Bleikamp, dass die vier Musiklegenden, die alle Stadien füllten, sich nun in ihrer finalen Show die kleine Bühne teilen müssen. Das lädt geradezu ein, zum Rampensau-Battle.

Und dass die vier Legenden gerne in der ersten Reihe standen, daran lassen sie in Bleikamps neuester Inszenierung „Heroes“ keinen Zweifel. „Rock’n’Roll ist tot?“, fragt Lemmy bei seiner Ankunft im Hades mit dem unverwechselbaren schwarzen Filz-Stetson auf dem Kopf. Eine Stimme aus dem Off quäkt blasphemisch: „Nee! Rock’n’Roll nicht!“ Price erkennt aus Boshaftigkeit Bowie nicht und fragt: „Harry Potter?“ Für Bowie steht aber fest: „Heldentum ist eine Bestimmung.“

Doch was soll aus ihnen werden? Was bleibt? Was bleibt von einem übrig nach dem Tod? Sie sezieren ihre Biografien, klagen ihr Leid, versuchen sich zu übertrumpfen, lassen ihren gewaltigen Künstleregos freien Lauf und finden schließlich eine kleine Tiefkühltruhe (Aufschrift: „Eismann bringt’s“). In Plastikbeuteln befinden sich darin jeweils vier Eiswürfel. Lemmy lutscht einen und singt plötzlich „Last Christmas“ von Wham! und muss fast kotzen. Bowie klingt plötzlich wie Celine Dijon. Schockiert dämmert es ihm, auch sie sollen zu einem Eiswürfelpäckchen verarbeitet werden.

„Ein theatrales Requiem“ nennt Bleikamp den Abend, der sich locker und leicht, mal fluffig-albern mal philosophisch-tiefgründig um die sehr unterschiedlichen Musiker, die nur in ihrer Bedeutung und Größe Gemeinsamkeiten haben, dreht. Das Publikum wird auch gefordert: beim Karaoke zu einem Motörhead-Konzertmittschnitt. Amy serviert derweil Ohrstöpsel oder Schnaps. Paartanz mit Prince, Lemmy und Amy erwartet ein paar Glückliche zu einer ziemlich guten Bowie-Parodie. Insgesamt ein schöner anarchischer Abend, gespielt von einem klasse Ensemble mit vielen tollen Erinnerungen an vier grandiose Künstler.
(Choises)

Im Spielplan des WEHR51 produziert 2018 durch das wehrtheater/andrea bleikamp, koproduziert durch das theater-51grad.

Gefördert durch: Kulturamt der Stadt Köln, Ministerium für Kultur und Wissenschaften des Landes Nordrhein-Westfalen und RheinEnergie StiftungKultur